Sabine Berlandi: Die Rolle des
Bewußtheitskontextes bei der häuslichen Betreuung
Sterbenskranker
Zusammenfassung
Die vorliegende Untersuchung beschäftigt sich mit der
Situation Sterbender. Hierbei werden Kranke und ihre BetreuerInnen
zunächst im Hinblick auf ihr Wissen um die tödliche
Erkrankung betrachtet. Verschiedene Umgangsweisen mit diesem Wissen
führen zu unterschiedlichem Verhalten. Insbesondere die
anschließend geführten Gespräche über Tod und
Sterben und deren Bewertung durch die betreuenden Personen sind von
Interesse. Einen weiteren Schwerpunkt der Analyse bildet die
Sterbestunde. Wo sind die Kranken verstorben? Hatten sie Schmerzen? Wer
war dabei? Wie wirkt sich dies auf die Zufriedenheit der betreuenden
Angehörigen aus? Auch hier finden vor allem "Letzte
Gespräche" genauere Betrachtung. Wie häufig und unter welchen
Umständen kommt es zu diesen Gesprächen und welche
Auswirkungen haben sie auf die Hinterbliebenen in der Trauerzeit?
An der Untersuchung nahmen 89 Personen teil, die als
Hauptbetreuungsperson über längere Zeit einen sterbenskranken
Angehörigen überwiegend in der häuslichen Umgebung
gepflegt hatten. Die halbstandardisierten Interviews mit den
Betroffenen lieferten quantitative und qualitative Daten. Aus den
quantitativen Fragen ergaben sich objektive Daten die zuerst deskriptiv
ausgewertet wurden. Die narrativen Fragen sollten die subjektiven
Einstellungen und Empfindungen der Befragten erfassen. Diese auf
Tonband aufgezeichneten Äußerungen wurden qualitativ
inhaltsanalytisch ausgewertet. Nach der deskriptiven Darstellung der
Ergebnisse wurde zu speziellen Fragestellungen sowohl mit quantitativen
als auch mit qualitativen Daten Zusammenhangshypothesen mittels Chi
Quadrat Tests überprüft.
37 Prozent der Befragten hatten mit den Kranken in der Zeit
der Pflege über das Sterben geredet, aber mehr als die Hälfte
nicht, obwohl fast alle Pflegenden sowie der größte Teil der
Betreuten (67%) die Folgen der Erkrankung kannten. Das Ergebnis macht
deutlich, wie schwierig es für Angehörige ist, mit den
Sterbenskranken selbst über den bevorstehenden Tod zu reden, denn
zu Gesprächen über das Sterben zwischen Pflegenden und
sonstigen nicht kranken Personen war es in vielen Fällen (84%)
gekommen. Wenn aber Kranke und Pflegende miteinander sprachen, werteten
dies die hinterbliebenen BetreuerInnen in jedem Falle positiv. Als
wichtige Einflussgröße erwies sich der Umgang der Befragten
mit der Nachricht von der tödlichen Erkrankung ihrer
Angehörigen. Unter der Strategie des Verdrängens kam es
selten zu Gesprächen zwischen Kranken und Betreuenden. Dagegen
förderten sowohl Akzeptanz als auch ein widersprüchlicher
Umgang mit der bedrohlichen Nachricht gemeinsame Gespräche. Auch
eine hohe körperliche Beanspruchung der BetreuerInnen in der
Pflegezeit wirkte sich positiv auf die Anzahl der geführten
Gespräche aus. Ebenso stand die Einnahme von Medikamenten durch
die BetreuerInnen (es handelte sich hierbei überwiegend um
Beruhigungs? und Schlafmittel) in Zusammenhang mit einem
häufigeren Austausch über das Sterben.
Obwohl in dieser Stichprobe fast 80 Prozent der Kranken
zuhause verstarben und über zwei Drittel der BetreuerInnen in der
Sterbestunde anwesend waren, kam es nur in etwa 15 Prozent der
Fälle zu einem "Letzten Gespräch". Für diesen niedrigen
Prozentsatz zeigt die Untersuchung mehrere Gründe auf. So hatten
neun Prozent der Befragten bereits vor der Sterbestunde
Abschiedsgespräche geführt, was ein "Letztes Gespräch"
überflüssig machte. In anderen Fällen ersetzte
nonverbale Kommunikation zwischen engen Bezugspersonen den verbalen
Austausch. Auch komatöse Zustände der Kranken, mangelnde
Bereitschaft oder Unfähigkeit der Kranken oder der Pflegenden
verhinderten "Letzte Gespräche". Kam es aus diesen Gründen
nicht zu einem "Letzten Gespräch", bedauerte dies ein Viertel der
Hinterbliebenen, während die Mehrheit kein Problem damit hatte.
Wenn es aber zu "Letzten Gesprächen" kam, wurden sie auch hier in
jedem Fall von den Hinterbliebenen positiv bewertet. Einen positiven
Einfluss auf "Letzte Gespräche" hatten offene Gespräche zum
Sterbethema in der Pflegezeit. Hatten dagegen die BetreuerInnen in der
Zeit der Pflege häufig Ängste, kam es in der Sterbestunde
seltener zu einem Austausch. Die Untersuchung zeigt die
vielfältigen Einflüsse auf Gespräche über das
Sterben zwischen Betreuenden und Betreuten während der Pflegezeit
und in der Todesstunde auf. Deutlich werden die positiven Auswirkungen
einer offenen Bewusstheit und der Strategie Akzeptanz. Allerdings kann
dies eine fachliche Unterstützung erfordern, in einer Zeit, die an
alle Beteiligten besondere Anforderungen stellt.
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