Susanne Koss: Klinische Merkmale, Psychopathie und Bindungsstile in einer Stichprobe von Stalkern
Zusammenfassung
Seit Beginn der Beschäftigung mit Stalking in den 90-er
Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist die Zahl der
wissenschaftlichen Studien zu diesem Thema heutzutage kaum noch zu überblicken. Die allermeisten Untersuchungen stützen sich jedoch
auf forensische oder klinische Stichproben von
Stalkern. Im Gegensatz zu den bisherigen Untersuchungen wurde in der vorliegenden Studie
eine Gruppe von 61 „normalen", das heißt nicht inhaftierten und nicht in
einer Psychiatrie untergebrachten Stalkern mittels eines Online-Fragebogens
untersucht und mit einer ebenso großen
Kontrollgruppe, die die Normalpopulation repräsentierte, verglichen. Erfasst wurden die
psychische Belastung, die Bindungsrepräsentation und die Ausprägung von Psychopathie.
Die Ergebnisse
machten deutlich, dass die bisher primär untersuchten Stalker aus
dem forensischen oder psychiatrischen Kontext sich in vielerlei
Hinsicht erheblich von dem „normalen" Stalker unterscheiden. So
waren weibliche Stalker mit einem
Anteil von 59% deutlich häufiger vertreten als bisher angenommen.
Gewalttätiges Stalking
kam nur in den allerwenigsten Fällen vor, häufiger kamen
Stalking-Verhaltensweisen, die
eine gewisse Anonymität und ein Agieren aus der Feme
ermöglichen, wie Briefe schreiben oder
anrufen, zum Einsatz. Die Opfer des „normalen" Stalkers waren
ebenso
häufig männlich wie weiblich.
Für die Messung der psychischen Belastung wurde die
Symptom-Checkliste von Derogatis H SCL-90-R) verwendet. Es zeigte sich, dass Stalker eine
psychisch sehr hoch belastete Gruppe sind, deutlich stärker beeinträchtigt als
die Kontrollgruppe. Knapp vier Fünftel der Stalker wurden als psychisch auffällig belastet eingestuft.
Bezüglich der Bindung, die über den Bindungsfragebogen für
Partnerschaften (BinFb) erfasst wurde, konnte gezeigt werden, dass in der Gruppe der Stalker
der sichere Bindungsstil deutlich unterrepräsentiert war. Somit wurden die bindungstheoretischen
Annahmen zur Verursachung von Stalking gestützt. Der ängstlich-vermeidende
Bindungsstil (fearful) trat in der Gruppe der Stalker deutlich häufiger auf als in der
Kontrollgruppe. Außerdem konnte bestätigt werden, dass die Gruppe der
Stalker generell wenig psychopatisch ist. Sie unterschied sich nicht von der
Kontrollgruppe bezüglich ihrer Ausprägung von Psychopathie. Psychopathie wurde
über das Psychopathie Personality Inventory Revised (PPI-R) erfasst.
◄ Zurück ▲
Nach oben
|