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Shirley Lambrecht: Der Einfluß der "Wurzelsuche" auf die Identitätsfindung: Eine empirische Studie mit jungen erwachsenen Adoptierten

Zusammenfassung

Hauptanliegen dieser Untersuchung war, die von jungen erwachsenen Adoptierten beschriebene "Identitätskrise" zu untersuchen, die überwiegend erstmals in der Pubertät erlebt wird und als auslösender Faktor für die zunächst gedankliche Auseinandersetzung mit der biologischen Familie, später für die Suche nach ihr genannt wird.

Erst die Wiedervereinigung mit den biologischen Wurzeln soll zu der Erfahrung des Selbst als konsolidierte, vollständige, integrierte Persönlichkeit führen. Die Kenntnis der biologischen Abstammung ist ein Grundrecht und ein Bedürfnis aller Menschen. Für Adoptierte, denen der Zugang zu den entsprechenden Informationen nicht naturgemäß gegeben und von familialer und rechtlicher Seite oft erschwert wird, ist sie häufig ein Problem. Der moderierende Einfluß der Beziehung zur Adoptivfamilie auf die seelische Gesundheit wurde berücksichtigt. Einmal wurde das Familienklima, zum zweiten der Bindungsstil als Indikator einer guten oder weniger gut gelungenen Beziehung zum Adoptivelternhaus erfaßt.

Viele Adoptionsuntersuchungen beschränken sich auf deskriptive Vorgehensweisen, wie Fallstudien oder verwenden Interviews zur Informationsgewinnung. Zur Identitätsproblematik ist, soweit die Autorin feststellen konnte, noch keine Studie durchgeführt worden, die sich auf den Einsatz standardisierter Meßinstrumente stützt. Die vorliegende Arbeit war ein Versuch, die verschiedenen psychischen Zustände, von denen Adoptierte vor und nach der Wurzelsuche berichten, anhand eines Fragebogens zu erfassen. Ausgehend von der Vorstellung, daß sich eine konsolidierte Persönlichkeit in einem Erleben psychischen Wohlergehens ("subjective well-being") manifestiert, wurde der Trierer Persönlichkeits Fragebogen von Peter Becker (1987) zur Erfassung "seelischer Gesundheit" als Identitätsmaß herangezogen.

Um die Identitätsproblematik Adoptierter theoretisch einzubinden, wurde zunächst das Konzept der Adoption im geschichtlich-gesellschaftlichen Kontext beschrieben. Anschliessend wurde der Begriff des Kindeswohls in seiner zentralen Bedeutung im Adoptionsgeschehen erläutert. Einige Paragraphen des BGB zum Adoptionsrecht, die im Zusammenhang mit der Identitätsproblematik bei Adoptierten zu stehen scheinen, wurden kurz geschildert. Danach wurde die Besonderheit der Adoptivfamilie beschrieben aufgeteilt nach zusätzlichen Anpassungsleistungen von Kindern und Eltern. Um die Entwicklungsarbeit zu beschreiben, die jungen Menschen bei der Identitätsfindung abverlangt wird, wurden verschiedene psychologische Identitätstheorien vorgestellt. Hierbei wurde die etwa in den 30er Jahren beginnende Aufspaltung der Identitätsforschung in die psychoanalytische gegenüber der sozialpsychologischen Richtung der Selbstkonzept-Forschung berücksichtigt. Interessant ist, daß man zunächst annahm, Aspekte der persönlichen Identität und die der sozialen Identität als voneinander unabhängig betrachten zu können. Die aktuelle Selbstkonzept-Forschung scheint erkannt zu haben, daß beide Aspekte einem dialektischen Prinzip folgen und theoretisch zusammengehören. Den Abschluß der theoretischen Herleitung bilden die Problemstellungen und Hypothesen für die Identitätsstudie und für die Studie zum Stereotyp.

Im methodischen Teil der Arbeit wurden die Meßinstrumente vorgestellt, den Aufbau beider Fragebögen und die vorausgesetzten Merkmale der Stichproben beschrieben. Anschließend wurde der Aufbau der Untersuchungen und die Vorgehensweisen für beide Studien erläutert. Die testtheoretischen Ergebnisse für alle verwendeten Meßinstrument waren zufriedenstellend bis gut. Die Betrachtung der hypothesenbezogenen Ergebnisse ließen allerdings Zweifel aufkommen an der Verwendbarkeit des Trierer Persönlichkeits Fragebogens für eine männliche Adoptiertenstichprobe. Diese Bedenken müßten in weiteren Untersuchungen berücksichtigt werden. Die Skala Autonomie des TPF war weder für die weibliche noch für die männliche Stichprobe brauchbar und sollte künftig durch ein Instrument zur Erfassung von "Locus of Control" ersetzt werden. Auch die Subskala Offenheit sowie das Einzelitem Loyalität des für diese Untersuchung eigens entworfenen Fragebogens zum Familienklima im Adoptivelternhaus schienen nicht das zu messen, was zu messen beabsichtigt war, so daß sie einer weiteren Überarbeitung bedürfen.

Es konnte wider Erwarten anhand der hier verwendeten Adoptiertenstichprobe und unter Einsatz der verwendeten Meßinstrumente keine Unterschiede auf den Maßen für seelische Gesundheit festgestellt werden zwischen Adoptierten vor und nach der Wurzelsuche. Wenn man allerdings den Faktor des Bindungsstils mit einbezog wurde deutlich, daß der Status der Wurzelsuche (vorher vs. nachher) einen Einfluß hatte auf den Zusammenhang zwischen Bindungsstil und seelischer Gesundheit. Das heißt, erst nach abgeschlossener Wurzelsuche zeigten Probanden mit hohem sicheren Bindungsstil signifikant höhere Werte auf den Subskalen des TPF gegenüber Probanden mit hoher Ausprägung eines der unsicheren Bindungsöle, während in der Gruppe ohne Kontakt zur Herkunftsfamilie mit einer Ausnahme keine signifikanten Unterschiede zu beobachten waren. Auch der Zusammenhang zwischen Selbstwertgefühl und Bindungsstilen war in den jeweils erwarteten Richtungen und hochsignifikant für die Gruppe mit Kontakt zur Herkunftsfamilie nachweisbar, während er für die Gruppe ohne Kontakt zur Herkunftsfamilie weniger eindeutig war. Diese Ergebnisse scheinen darauf hinzuweisen, das es tatsächlich Unterschiede in der psychischen Verfassung gibt zwischen Personen, die die Wurzelsuche noch vor sich haben und denen, die sie bereits abgeschlossen haben. Die Ergebnisse zur Stereotypenuntersuchung ergaben, daß adoptierte Männer ein besseres Selbstkonzept haben, als adoptierte Frauen, daß Adoptierte sich positiver sehen, als sie von Nichtadoptierten gesehen werden und daß Nichtadoptierte Frauen Adoptierte positiver beurteilen, als nichtadoptierte Männer. Adoptierte mit hohem Selbstwertgefühl schätzten sich positiver ein als Adoptierte mit geringem Selbstwertgefühl.

Im Anschluß an die Ergebnisse wurden diese diskutiert. Danach wurde Stellung genommen zu verbesserungsbedürftigen Aspekte dieser Untersuchung. In einem Ausblick wurde die aktuelle Bedeutung der psychologischen Adoptionsforschung für alle am Adoptionsgesche-hen Beteiligten geschildert.

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