Sandra Rotzinger: Akkulturationsstrategien und
akkulturativer Stress - Eine empirische Untersuchung Deutscher und
Deutschstämmiger in Chile
Zusammenfassung
Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit steht der Begriff der
Akkulturation, weIcher die Prozesse umschreibt, die bei direktem,
zeitlich überdauerndem Kontakt von mindestens zwei
unterschiedlichen kulturellen Gruppen stattfindet. Auf der Grundlage
des Modells von Berry und Kollegen (z.B. Berry, 1996) sollten die drei
Akkulturationsstrategien (AKS) Integration, Assimilation und Separation
an einer Gruppe deut- scher Auswanderer (G1) und Deutschstämmiger
der ersten Generation (G2) in Chile untersucht werden. Außerdem
wurde eine weitere Strategie - die der Individualisierung - in
Anlehnung an Bourhis et al. (1997) mit in die Untersuchung
eingeschlossen. Es wurde zwischen zwei Ausprägungen dieser
Strategie unterschieden: passive und aktive Individualisierung. In der
vorliegenden Arbeit wurden zum Einen die durch die Gruppe der Deutschen
in Chile verfolgten AKS beschrieben und deren Zusammenhang mit Faktoren
der Person (demographische, persänlichkeitsspezifische und
motivationale Variablen), des Verhaltens in Bezug auf Deutschland, der
Bewertung der eigenen Auswanderung sowie der gesellschaftlichen
Situation in Chile unter- sucht. Zum anderen wurde der Einfluss dieser
Variablen auf den erlebten akkulturativen Stress überprüft.
Dazu wurde eine Befragung von 98 Deutschen in Chile durchgeführt.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Gruppe der Deutschen in Chile die
Strategie der Integration bevorzugt, gefolgt von Assimilation,
Separation und Individualisierung. Eine Trennung dieser letzten
Strategie in eine aktive und eine passive Form konnte nicht
unterstützt werden. Es wurden Zusammenhänge der AKS mit den
Variablen der Person sowie der Situation festgestellt. Diese konnten zu
einer valideren Interpretation der vier Strategien herangezogen werden.
Ein weiteres wichtiges Ergebnis zeigte sich in Bezug auf den erlebten
akkulturativen Stress. Die Strategie der Individualisierung hatte als
einzige der vier AKS einen deutlich positiven Einfluss auf das
Stressniveau. Dieser Befund legt die Vermutung nahe, dass diese vierte
Strategie weniger eine freiwillig gewählte Option als vielmehr
eine Form kultureller Entfremdung (Anomie) darstellt.
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