Olaf Schaarschmidt: Der Einfluß von Sinn
und Identifikation auf Angst vor Tod und Sterben: Ein Beitrag zur
Terror Management Theorie
Zusammenfassung
Durch Erinnerung an den Tod wird beim Menschen die bereits
verdrängte Angst vor der eigenen Vernichtung wieder
ausgelöst. Er verdrängt diese Angst, weil der Tod das
schlimmste ist, was im passieren kann und er im vollem Bewußtsein
um seine Sterblichkeit nicht lebensfähig wäre. Die
Verdrängung ist anerzogen und unbewußt. Die Begrenzung des
Lebens macht es aber erst wertvoll. Die existentielle Konfrontation
bietet die Chance zur Reifung, zur Transzendenz und der
Möglichkeit, die Angst vor dem Tod in eine menschliche Leistung zu
transformieren.
Im Angesichts der Endlichkeit des eigenen Daseins wird nach
Viktor Frankl eine Sinnhaftigkeit des ganzen Daseins geboren, die
prinzipiell in jeder Situation gefunden werden kann. Sie stellt laut
Ernest Becker zusammen mit der eignen Kultur und dem Selbstwert einen
Puffer vor der durch die existentielle Konfrontation ausgelösten
Angst dar.
Experimente z.B. von Rosenblatt et al. (1989) und Greenberg et
al. (1990, 1992a) zeigten empirische Belege für die von Solomon,
Greenberg und Pyszczynski aufgestellten TerrorManagement?Theorie, die
besagt, daß nach Mortalitätssalienz die Angstpuffer
"kulturelle Weltsicht" und "Selbstwert" gestärkt werden
müssen. Dies zeigt sich z.B. darin, daß Personen, die
moralische oder kulturelle Werte angreifen, und solche, die in
Einstellung Ansichten und kulturellem Hintergrund anders geartet sind,
abgewertet bzw. Personen, die kulturelle Werte bestätigen und uns
ähnlich sind, aufgewertet werden. Außerdem konnte gezeigt
werden, daß der Selbstwert die Angst vor einem bedrohlichen
Ereignis mindert.
Ausgehend von den Untersuchungen Lu und Hemings (1987), die
zeigen konnten, daß der japanische Spielfilm "Ikiru" die Angst
vor Tod und Sterben vermindert und die Einstellung gegenüber dem
Tod verbessert und einem Experiment von Tannenbaum und Gaer (1965), die
belegten, daß das Ausmaß des von den Zuschauern
verschiedener Versionen des Films "The Ox Bow Incident" empfundenen
Stresses von der Art des Endes und vom Ausmaß der Identifikation
mit der Hauptfigur abhängt, wurde ein Experiment konzipiert,
daß den Einfluß von Sinn und Identifikation erstens auf
Verteidigung der Kultur im Sinne der Terror-Management-Theorie und
zweitens auf Angst vor Tod und Sterben klären sollte.
Als abhängige Variablen wurden erstens die
Präferenzen und die Zahlungsbereitschaft für 10
ausländische und 10 deutsche Gerichte erhoben, in der sich die
Abwertung der fremden bzw. die Aufwertung der eigenen Kultur nach
Mortalitätssalienz zeigen sollte. Zweitens wurde zur Messung der
Angst vor Tod und Sterben eine Zeiteinschätzung anhand einer
Sanduhr verwendet, mit der die Vpn ihre bisher gelebte Zeit in
Beziehung zu ihrer gesamten Lebenszeit setzen sollten. Außerdem
wurde unter Einbeziehung des Alters die geschätzte Lebenserwartung
errechnet.
Terror?Management?Effekte konnten nicht beobachtet werden. Die
Gerichtelisten erwiesen sich eher als indirektes Todesfurchtmaß.
Die Präferenzen der Gerichte erhöhten sich mit dem Ansteigen
der Identifikation und der Abnahme von Sinn (bei deutschen nicht
signifikant).
Die Zeiteinschätzung anhand der Sanduhr vermochte nicht
signifikant zwischen den Sinn? und Identifikationsbedingungen zu
trennen. Die Unterschiede wurden erst in der geschätzten
Lebenserwartung deutlich: Sinn pufferte die durch
Mortalitässalienz ausgelöste Angst vor Tod und Sterben
tendenziell ab. Bei Mortalitätssalienz ohne Sinn pufferte eine
hohe Identifikation Angst vor Tod und Sterben signifikant ab.
Getrennt nach Altersgruppen zeigte sich, daß bei einer
Todeskonfrontation (unabhängig von Sinn) von älteren Menschen
mehr Angst empfunden wurde als von jungen. Bei jüngeren Menschen
bewirkte nur die Konfrontation mit einem sinnlosen Tod ein höheres
Angstempfinden, nicht die mit einem sinnvollen.
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