Susanne Schüttler: Häusliche
Betreuung Sterbenskranker: Eine Sekundäranalyse der Probleme von
Betreuungspersonen, die aus der Pflege und Verarbeitung des Verlustes
einer nahestehenden Person resultieren.
Zusammenfassung
Die vorliegende Untersuchung beschäftigt sich mit
Personen, die einen nahen Angehörigen bis zu dessen Tod in der
häuslichen Umgebung betreut haben. Von Interesse sind dabei die
psychische und physische Verfassung und die emotionalen Reaktionen, die
während der Betreuung und nach dem Tod des Angehörigen
gezeigt wurden. Darüber hinaus gilt das Interesse dieser Arbeit
dem religiösen Empfinden, welches in beiden Zeitabschnitten
geäußert wurde, und der grundsätzlichen religiösen
Bindung der Personen. Die Betrachtung des Befindens und der emotionalen
Reaktionen wird durch das jeweilige Bewältigungsverhalten der
UntersuchungsteilnehmerInnen ergänzt. Das Hauptinteresse gilt der
Veränderung des körperlichen und psychischen Befindens, der
emotionalen Reaktionen und der Bedeutung von Religiosität oder
Glaube. Im Zusammenhang mit der Betreuung des Angehörigen sind die
Anforderungen und die Dauer der Pflege mit dem Befinden und den
Reaktionen der betreuenden Personen als Einflußgrößen
berücksichtigt worden. Auch der Abstand des Interviews zum Tod des
Angehörigen ist bei Betrachtung der Trauer einbezogen worden.
Weitere Einflußgrößen waren die familiale Beziehung
und das Alter der Betreuungspersonen und Angehörigen, das
Geschlecht der betreuenden Personen sowie die Art der Erkrankung des
Angehörigen. Die Trauerreaktionen haben unter der Bedingung des
"vorhersehbaren Todes" stattgefunden. Zur Erfassung dieser
unterschiedlichen Aspekte, wurde ein standardisiertes Interview mit 89
Betroffenen durchgeführt, die einen terminal Erkrankten über
einen längeren Zeitraum betreut haben. Der verwendete Fragebogen
diente zum einen der Gewinnung objektiver Daten, die mit vorgegebenen
Antwortschema erfaßt wurden, zum anderen der Erfassung des
subjektiven Erlebens der Befragten, das mit Hilfe von offenen,
narrativen Fragen gewonnen wurde. Die Auswertung der offenen Fragen
erfolgte durch die Methode der qualitativen Inhaltsanalyse. Der damit
reduzierte Text wurde mittels des Chi-Quadrat-Test einer statistischen
Überprüfung unterzogen.
Die Ergebnisse demonstrieren, daß sich die
körperliche und psychische Verfassung der Befragten nach dem Tod
nicht verändert hat. Bei den emotionalen Reaktionen konnten
bedeutsame Differenzen zwischen beiden Zeiträumen nachgewiesen
werden. Die Interviewten haben während der Betreuung häufiger
Ängste und Gefühle von Wut empfunden. Beachtenswert ist,
daß sich die Ängste vorwiegend auf die Sterbephase und
Todesstunde des Angehörigen bezogen haben. Die Wut, die sich auf
den Angehörigen während der Betreuung bezog, richtete sich
nach dem Tod auf Verwandte. Gefühle der Interesselosigkeit und
Schuldgefühle wurden zu beiden Zeitpunkten gleichermaßen
empfunden. Hinsichtlich der Dauer der Betreuung hat sich gezeigt,
daß mit zunehmender Länge weniger Erschöpfungssymptome
bekundet wurden. Größere Anforderungen und längere
Betreuungszeiten haben sich wider Erwarten auf das Empfinden von
Interesselosigkeit positiv ausgewirkt. Lediglich die Gefühle von
Wut wurden häufiger unter dem Einfluß einer
größeren Anforderung bekundet. Die Schuldgefühle sind
mit größer werdendem Abstand zum Tod abgeklungen. Der
Religion wurde zu beiden Zeitabschnitten die gleiche Bedeutung
entgegengebracht. Während der Pflege bestand ihre Funktion darin,
Halt und Trost zu erhalten. Nach dem Tod wurden vermehrt
Kirchgänge unternommen. Interessant ist, daß Personen mit
größeren Erschöpfungssymptomen häufiger eine
Bedeutung im Glauben gesehen haben. Möglicherweise wird die
religiöse Bindung durch die zunehmende Dauer der Betreuung
beeinflußt.
Das Bewältigungsverhalten der Befragten fiel generell
durch eine "innere und äußere Auseinandersetzung" auf. Die
"innere Beschäftigung" meint im wesentlichen eine bestimmte
Einstellung den Geschehnissen und Empfindungen gegenüber,
impliziert auch eine passive Haltung der Befragten, die
"äußere" ist durch den gedanklichen Austausch mit anderen
Personen und Aktivitäten gekennzeichnet. Lediglich der Umgang mit
Gefühlen von Kraftlosigkeit hat sich nach dem Tod des
Angehörigen verändert. Während der Betreuungszeit wurde
eine Bewältigung ohne die Hilfe anderer Personen praktiziert,
danach unter Einbeziehung des sozialen Umfeldes. Mit zunehmenden
Abstand vom Tod hat sich dieser Effekt vergrößert. Die
Bewältigung bestehender Ängste fand auf der Basis der
Konfrontation oder Vermeidung statt. Gefühle von Wut oder Zorn
wurden während der Betreuungszeit am sterbenden Angehörigen
ausgelassen. Beachtenswert ist, daß der Umgang mit
Schuldgefühlen während der Betreuung zu einem
verstärkten Wunsch nach einer Verhaltensänderung bei einer
gleichzeitigen Abnahme der passiven Haltung führte. Dieses
Ergebnis mag Ausdruck dafür sein, wie belastend die Gefühle
erlebt wurden. Auswertungen, die die Beziehung zwischen dem Befinden,
den emotionalen Reaktionen und dem Bewältigungsverhalten
berücksichtigen, haben gezeigt, daß bei der Empfindung
starker Kraftlosigkeit vermehrt auf das soziale Umfeld
zurückgegriffen wurde. Allem Anschein nach haben moderate
Überforderungsgefühle während der Betreuung zu einer
inneren-, starke zu einer äußeren Auseinandersetzung
geführt. Hinsichtlich der anderen Emotionen ließen sich
keine Unterschiede aufzeigen.
Die familiale Beziehung zwischen betreuenden Personen und
sterbenden Angehörigen hat nachweislich zu Unterschieden
geführt. Danach haben PartnerInnen häufiger unter
Interesselosigkeit gelitten und der Tendenz nach mehr Ängste
während der Betreuung empfunden als die Nachkommen. Hinsichtlich
der Emotionen Wut oder Zorn und des Bewältigungsverhaltens konnten
keine Differenzen festgestellt werden. Es ist denkbar, daß
PartnerInnen dem Glauben während der Pflegezeit mehr Bedeutung
beigemessen haben als die Nachkommen. Dies gilt gleichermaßen
für die religiöse Grundeinstellung.
Die Ergebnisse zu möglichen Geschlechtsunterschieden
ließen sich nicht anhand stichhaltiger Berechnungen
überprüfen, da die statistischen Voraussetzungen dafür
fehlten. Unter Umständen haben Frauen häufiger als
Männer Kraftlosigkeit und Überforderung während der
Betreuung verspürt, sich weniger mit ihren Ängsten
auseinandergesetzt und sich vermehrt auf gedanklicher Ebene mit ihren
Schuldgefühlen beschäftigt. Es ist nicht
auszuschließen, daß Frauen in beiden Phasen der Religion
mehr Bedeutung beigemessen haben. Mit den zwei Altersgruppen
ließen sich signifikante Unterschiede nachweisen. Die
jüngeren Befragten haben häufiger Kraftlosigkeit, Ängste
und Gefühle von Wut oder Zorn geäußert. Bei den
übrigen Faktoren ließen sich keine bedeutsamen Resultate
finden. Der Tendenz nach sind die Älteren der Interviewten
religiöser als die Jüngeren unter ihnen. Die Art der
Erkrankung hat die Ausprägung der Variablen nicht
beeinflußt. Lediglich ein bedeutsames Resultat konnte gefunden
werden. Befragte, die einen Angehörigen an Krebs verloren haben,
gaben vermehrt an, unter Interessenverlust nach dem Tod gelitten zu
haben. Das Interview und die inhaltsanalytische Auswertung der Daten
haben sich als geeignete Methoden erwiesen, um das komplexe Erleben der
Betroffenen ablichten zu können. Die Ergebnisse sind im
wesentlichen mit Untersuchungen erklärt worden, deren Stichproben
gehäuft aus Frauen bestehen. Diese Tatsache muß
berücksichtigt werden, da die UntersuchungsteilnehmerInnen dieser
Arbeit, wenngleich auch nur zu einem kleinen Prozentsatz, aus
männlichen Teilnehmern bestehen.
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