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Julia Weiss: ERASMUS - Die besseren Europäer?
Auswirkungen der Teilnahme am ERASMUS-Programm auf europabezogene Einstellungen und Identitätsausprägungen deutscher Studierender

Zusammenfassung

Angeregt durch die gegenwärtige mediale Diskussion um die Effektivität des ERASMUS-Programms lag der Fokus der vorliegenden Studie auf der empirisch fundierten Auseinandersetzung mit den Auswirkungen der Teilnahme an dem EU-Austauschprogramm auf die europabezogenen Einstellungen und Identitätsausprägungen deutscher Studierender. Die Auswahl der Untersuchungsvariablen orientierte sich dabei an den Zielvorstellungen der Programminitiatoren. Als Maßzahl für die angestrebte "Solidarität der Völker" wurde die Einstellung gegenüber anderen europäischen Nationen erhoben. Die "Festigung der Unionsbürgerschaft" wurde über systemorientierte Einstellungen gegenüber der Europäischen Union und das Ausmaß der Identifikation mit dem Staatenbund erfasst. Als Facette der "internationalen Aufgeschlossenheit" wurde die Bereitschaft der Studierenden, eine berufliche Tätigkeit im Ausland aufzunehmen, untersucht. Zusätzlich wurde die Ausprägung der nationalen Identität erfasst, um Aufschluss über die Auswirkungen der Teilnahme am ERASMUS-Programm und damit verbundener internationaler Kontakte auf die Identifikation der Studierenden mit Deutschland zu erhalten.

Auf der Basis sozialpsychologischer Theorien wie der Kontakttheorie (Allport, 1954), des Social Identity Ansatzes (Tajfel & Turner, 1986 bzw. Turner, 1988) und des In-group Identity Models (Gaertner, Dovidio, Anastasio, Bachmann & Rust, 1993) wurden Hypothesen hinsichtlich der Rolle von internationalen Kontakterfahrungen, der Zufriedenheit mit dem Auslandsstudium und der wahrgenommenen Salienz der EU im ERASMUS-Programm auf die beschriebenen abhängigen Variablen formuliert.

Die empirische Erhebung wurde in Form einer Online-Umfrage unter 398 deutschen Studierenden durchgeführt. Zu der Stichprobe zählten 207 ehemalige ERASMUS-Stipendiaten, 65 zukünftige Programmteilnehmer und 116 Studierende, die keine Teilnahme am ERASMUS-Programm im Rahmen ihres Studiums erwägten.
Die statistischen Analysen bestätigten einen positiven Einfluss der ERASMUS-Erfahrung auf die berufliche Auslandsorientierung der Studierenden, insbesondere wenn diese noch keine anderweitigen Auslandserfahrungen gesammelt hatten. Im Hinblick auf die Einstellungen zu anderen europäischen Völkern konnte nur für die Einstellung zur Bevölkerung des Gastlandes der erwartete positive Einfluss internationaler Kontakte nachgewiesen werden. Kontakte zu anderen europäischen Studierenden blieben hingegen ohne signifikante Auswirkungen auf die Einstellungen der Teilnehmer zu den Herkunftsnationen ihrer Interaktionspartner. Bezüglich der systemorientierten Einstellungen zur Europäischen Union konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen der Gesamtgruppe ehemaliger ERASMUS-Studierender und den Vergleichsgruppen identifiziert werden. Die Resultate weiterführender Analysen lieferten jedoch Belege für die Annahme, dass ein positives ERASMUS-Erlebnis bei hoher Salienz der EU im Austauschprogramm zu einer positiven Entwicklung der affektiven Einstellungsmaße tendenziell beizutragen vermag. Im Rahmen der Untersuchung der nationalen Identität wurde die Bedeutung internationaler Kontakterfahrungen für die Ausprägung der Identifikation deutlich. Während ehemaligen Stipendiaten mit positiven internationalen Kontakterfahrungen sich hinsichtlich der nationalen Identifikation nicht von Studierenden der Vergleichsgruppen unterschieden, wiesen ehemalige Austauschstudenten, die negative Kontakterfahrungen berichteten, eine signifikant höhere nationale Identifikation auf, als Studierende, die in keiner Form in das ERASMUS-Programm involviert waren. Ein eindeutiger Einfluss des ERASMUS-Treatments auf die Identifikation der Studierenden mit Europa konnte nicht nachgewiesen werden. Zwar zeichneten sich ehemalige ERASMUS-Stipendiaten durch eine signifikant höhere Ausprägung der europäischen Identität aus als die Studierenden der Kontrollgruppe, die in keiner Form in das EU-Austauschprogramm involviert waren. Jedoch konnte die Frage nach der Ursache-Folge-Sequenz nicht eindeutig beantwortet werden. Da sich keine signifikanten Unterschiede zwischen zukünftigen und ehemaligen ERASMUS-Stipendiaten ergaben, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass nicht die Teilnahme am ERASMUS-Programm zu einer stärkeren Identifikation mit Europa fuhrt, sondern Studierende mit einer ausgeprägten europäischen Identität zu einem größeren Anteil am ERASMUS-Programm teilnehmen.

Die beschriebenen Resultate wurden in Anbetracht der Forschungshypothesen diskutiert und mögliche Gründe für hypothesendiskrepante Ergebnisse erörtert. Als Ursache für den geringen Einfluss des ERASMUS- Treatments auf die systembezogenen Einstellungen zur EU wurde maßgeblich die vergleichsweise geringe Salienz der EU im Kontext des Austauschprogramms identifiziert. Als Ursache für die ausbleibende Auswirkung positiver internationaler Kontakterfahrungen mit Studierenden aus anderen europäischen Ländern auf die Einstellung zu deren Herkunftsnationen wurde die geringe Salienz nationaler Kategorien im ERASMUS-Setting benannt. Auf der Basis der gewonnenen Erkenntnisse wurden abschließend Vorschläge zur zukünftigen Gestaltung des ERASMUS-Programms abgeleitet, um den identifizierten Problemen entgegenzuwirken und die Effektivität des europäischen Austauschprogramms zu stärken.

 

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